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Karlsruhe Warum Karlsruhe die Treitschkestraße toleriert und Heidelberg sie verbannt

Treitschkestraße, Lüderitzstraße, Wißmannstraße - diese drei Straßen in Karlsruhe tragen einen umstrittenen Namen, denn ihre Paten sind in Kolonialverbrechen verstrickt oder durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Schon 2010 forderte daher die Grüne Gemeinderatsfraktion, dass sie entweder umbenannt oder kritisch kommentiert werden sollten. Inzwischen prangen dort deshalb Zusatzschilder. Andere Städte hingegen haben die Treitschkestraße abgeschafft: Heidelberg macht es gerade vor.

In der Stadt der Dichter und Denker sind die Tage der Treitschkestraße gezählt, wie die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) unlängst berichtete: Am 29. März werden die neuen Schilder für die künftige Goldschmidtstraße angebracht - 18 Jahren nach dem ersten Vorstoß wird die Straße nach den Gründern der Portheim-Stiftung, Leontine und Victor Goldschmidt, benannt. Auch eine Erläuterungstafel soll daneben prangen.

Straßenname als Zeitdokument

In Karlsruhe hingegen durfte die Treitschkestraße bleiben. Genau wie die Lüderitzstraße und die Wißmannstraße ist sie seit Frühjahr 2011 mit einer kritischen Hinweistafel versehen.  Die Ansätze in Karlsruhe und Heidelberg sind denkbar unterschiedlich: Während man in der "Stadt der Romantik" zum Ergebnis kam, dass "der Namensgeber Heinrich von Treitschke es aufgrund seiner antisemitischen Werke und Schriften nicht verdient habe, mit einem Straßennamen beehrt zu werden", wie die RNZ schreibt, verfolgte der Bauausschuss im Februar 2011 in der Fächerstadt eine andere Argumentation: Die Straßennamen sollen nicht ersetzt und damit ein Zeitdokument zerstört werden. Stattdessen ordnen kritische Schilder sie ein.

"Die Stadt hat sich auch mit der Frage beschäftigt, ob heutige Maßstäbe auf eine historische Person oder ein Zeitdokument angewendet werden sollten", erklärt eine Sprecherin der Stadtverwaltung gegenüber ka-news. Auch habe man sich die Frage gestellt, wann eine Person eines Straßennamens unwürdig sei. Die Karlsruher Lösung versuche also, die Straßen in den historischen Kontext einzuordnen und anhand heutiger Maßstäbe kritisch zu beleuchten.

Auch betroffene Bürger hätten sich damals gegen eine Umbenennung ausgesprochen - für die Anwohner wäre dies mit Kosten verbunden gewesen, denn sie hätten auch ihre Papiere und Unterlagen ändern lassen müssen. Zwar stimmten auch die Heidelberger gegen einen neuen Straßennamen - dort hat sich jedoch der Gemeinderat durchgesetzt. Beschwerden seien bislang nicht eingegangen, so die RNZ.

"Diese Entscheidung steht für Karlsruhe"

Die Karlsruher Grüne Gemeinderatsfraktion hatte in ihrem Antrag 2010 darauf hingewiesen, dass die Namenspaten keinerlei positive Rolle oder Vorbildfunktion erfüllt hätten und zumindest mit Hinweisschildern versehen werden müssten - bestenfalls umbenannt. Treitschke lieferte mit seinen Publikationen die Argumentationsgrundlage eines "bürgerlichen Antisemitismus". Lüderitz gelangte durch Betrug an ein großes Landgebiet in Afrika, das den Kern der späteren Kolonie Deutsch-Südwestafrika bildete. Von Wißmann, Kolonialgouverneur, wurde durch sein äußerst brutales Vorgehen gegen Aufständische in Deutsch-Ostafrika bekannt.

"Wir waren aber dann vor einem Jahr damit einverstanden, dass die Straßen kritisch kommentiert werden und damit die Belange der Anwohner berücksichtigt werden", erläutert Stadtrat Michael Borner heute auf ka-news-Anfrage. Dem Vorschlag sei fraktionenübergreifend zugestimmt worden. Dass Heidelberg sich durchsetzt und Karlsruhe Kompromisse macht, erklärt er sich mit dem "Stimmungsbild einer Gemeinde". "Diese Entscheidung steht einfach für Karlsruhe, die Heidelberger Entscheidung für Heidelberg", so Borner.

1987 wurde in Karlsruhe die Carl-Peters-Straße in Besselstraße umbenannt. Carl Peters war ein deutscher Politiker, Publizist, Kolonialist und Afrikaforscher mit stark ausgeprägter rassistischer Einstellung. Außerdem heißt in Palmbach die Walter-Tron-Straße inzwischen Gustav-Meerwein-Straße - dort hat bei der Neutaufung aber noch niemand gewohnt.

Ebenfalls umstritten: Fritz-Haber-Weg

Borner hat noch weitere Straßen auf der Liste, die er gerne erläutert oder ergänzt sehen würde. Dazu zählen die Fritz-Haber-Straße in Grünwinkel und der Fritz-Haber-Weg auf dem Unigelände. Haber, ehemals Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, gilt als Vater der Giftgaswaffen. Wenige Tage nach dem ersten deutschen Giftgaseinsatz im Ersten Weltrkrieg beging seine Frau Clara Immerwahr - ebenfalls promovierte Chemikerin - deshalb Selbstmord. "Zum Beispiel könnte man mit den Straßen ebenfalls seiner Frau gedenken", regt Borner an. Am KIT hätten schon 2009 einige Mitarbeiter die Straße symbolisch in Clara-Immerwahr-Weg umbenannt.

Die Moltkestraße habe offiziell einen Zusatz bekommen: Benannt war sie ab 1888 nach dem preußischen Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke, Chef des Generalstabes im Deutsch-Französischen Krieg. Heute erinnert sie zusätzlich an Helmut James Graf von Moltke, der als Gegner des Nationalsozialismus hingerichtet wurde.

Bei einer nicht repräsentativen ka-news-Umfrage im Frühjahr 2011 gaben übrigens 38,1 Prozent an, sich nicht an der Treitschke- oder Lüderitzstraße zu stören. 33 Prozent der Umfrageteilnehmer stimmten für eine Umbenennung, 17,2 Prozent empfanden die Namen als kritisch, 11,63 Prozent hatten kein Interesse am Thema.

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Kommentare (82)
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  • unbekannt
    (4000 Beiträge)

    19.03.2012 20:14 Uhr
    Ist doch eigentlich ganz einfach!
    Die Täter kannst du vergessen,
    die Taten aber nie!!!
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    19.03.2012 20:53 Uhr
    Sorry, aber das ist Rumeierei. Ohne Täter gäbs keine Taten.
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  • unbekannt
    (4000 Beiträge)

    19.03.2012 21:02 Uhr
    Ok.
    traurig
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  •   motzki
    (713 Beiträge)

    19.03.2012 19:28 Uhr
    meine oma...
    ...hieß übrigens adolphine. ich hatte sie trotzdem lieb...! soviel zu dieser dämlichen namensdiskussion.
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  • unbekannt
    (4000 Beiträge)

    19.03.2012 18:34 Uhr
    Also, ich hab bis heute nicht mal gewusst
    wer Treitschke war. Nach dem ich es jetzt weiß, stelle ich fest: es hätte ruhig so bleiben können.
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  •   joka
    (9833 Beiträge)

    19.03.2012 17:49 Uhr
    Nürnberg....
    sollte man in diesem Zusammenhang komplett dem Erdboden gleich machen. Vorher Stadion abbauen und hier wieder aufbauen. Von Berlin möchte ich nicht anfangen... soviel Platz für Zusschauer brauchen wir nicht
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  • unbekannt
    (821 Beiträge)

    19.03.2012 18:37 Uhr
    Und was ist mit München,
    der "Hauptstadt der Bewegung"?
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  •   joka
    (9833 Beiträge)

    19.03.2012 18:59 Uhr
    Lohnt nicht...
    die Allianz-Arena ist außerhalb und zu groß.
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  • unbekannt
    (821 Beiträge)

    19.03.2012 16:54 Uhr
    Da gibt es in Heidelberg noch viel zu tun.
    Nach dem bei der NS-Propaganda und insbeondere bei dem Herrn aus Braunau,sehr beliebten Operettenkomponisten Franz Lehar, ist in Heidelberg eine Straße benannt. Der Texter vieler Lehar-Lieder und auch des Heidelberger Liedes( "Ich hab mein Herz...")
    wurde als Jude im KZ erschlagen. Lehar hatte sich nie für ihn eingesetzt. An Fritz Löhner erinnert in Heidelberg ein unscheinbarer Gedenkstein. Also HD, wenn schon, dann konsequent!
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  • unbekannt
    (1 Beiträge)

    19.03.2012 16:30 Uhr
    Was soll das?
    Verstehe die ganze Aufregung nicht. Hat man nichts besseres zu tun?

    Ich höre von Bürgerinitiaitiven die dies und jenes von Kommune oder Staat fordern. Aber haben die mal den Besen geschwungen und selbst mal den Dreck von der letzten Demo weggefegt? Statt dess verweisen sie nur auf ihr "Bruttelrecht".

    Also laßt die Schilder dran, macht euren kritischen Kommentar drunter wenn es euch glücklich macht und fegt den dreck von der letzten Demo mit weg.
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