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Karlsruhe "Aufgeben kommt für mich nicht infrage. Ich bleibe bis zum bitteren Ende": Harald Wetzel betreibt die letzte Videothek in Karlsruhe

Netflix, Amazon Prime und Co.: Viele Deutsche schauen bequem von zu Hause aus Filme und Serien, leihen sich so die neusten Blockbuster aus. Laut Statistiken hatte alleine Netflix im dritten Quartal 2018 rund 137 Millionen Abonnenten weltweit. Das stellt Videotheken vor ein großes Problem, viele kämpfen ums Überleben. Harald Wetzel wehrt sich dagegen. Er betreibt die letzte Videothek in der Fächerstadt.

Sie ist die letzte ihrer Art in Karlsruhe, fast wirkt sie etwas aus der Zeit gefallen: Die Videothek "Neue Medien" in der Karlstraße. Bei Ladeninhaber Harald Wetzel können rund 8.000 Filme ausgeliehen und gekauft werden. Seit mittlerweile zehn Jahren arbeitet er in der Videothek.

Letzte Videothek Karlsruhe
Die letzte verbliebene Videothek befindet sich in der Karlstraße 80. | Bild: Ingo Rothermund

Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. "Filme waren schon immer meine große Leidenschaft", betont der 53-Jährige. Vor gut vier Jahren hat er den Laden von seinem Vorgänger übernommen, weil der in Rente ging. Hilfe oder zusätzliche Aushilfen hat er keine. "Ich arbeite hier alleine. Mehr Personal ist einfach zu teuer", so Wetzel im Gespräch mit ka-news. Darunter haben auch seine Öffnungszeiten in den vergangenen Jahren gelitten. "Früher hatte ich bis Mitternacht geöffnet", erinnert sich Wetzel zurück. Mittlerweile schließt er seine Pforten bereits um 21 Uhr. 

Letzte Videothek Karlsruhe
Harald Wetzel ist seit 2014 Inhaber der letzten Karlsruher Videothek. | Bild: Ingo Rothermund

Dabei geht es ihm so gesehen noch gut, denn viele seiner Kollegen in Deutschland und auch in Karlsruhe mussten ihre Läden in den letzten Jahren schon ganz schließen. 2012 gab es bundesweit noch rund 2.200 Videotheken. Mittlerweile sind es laut Schätzungen des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) nur noch etwa 500. 

Illegales Online-Streaming ist das Hauptproblem

"Das größte Problem der Videotheken begann etwa 2002 mit den ganzen illegalen Filmen im Netz", sagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer des IVD gegenüber ka-news. "Ohne ein Vorgehen der Politik gegen illegale Inhalte im Netz wird sich das Problem nicht lösen. Die Bundesregierung ist hier aber sehr zurückhaltend."

Das bestätigt auch Harald Wetzel. "Es wird viel gesagt und harte Strafen werden angedroht. Passieren tut in den meisten Fällen dann allerdings gar nichts!"

Letzte Videothek Karlsruhe
Ladeninhaber Harald Wetzel kämpft mit seiner Videothek ums Überleben. | Bild: Ingo Rothermund

Laut einer Studie des amerikanischen Beratungsunternehmen Digital TV Research verursachten illegale Filmkopien und illegales Streaming im Jahr 2017 weltweit knapp 32 Milliarden US-Dollar wirtschaftlichen Schaden. Die Studie beziffert einen möglichen Anstieg des Schadens auf rund 50 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2022.  

Der Zuschauer muss nicht mehr aus dem Haus

Doch auch die legalen Angebote, wie Netflix, Amazon Prime oder Maxdome tragen ihren Teil zum Videothekensterben bei. Die Abonnenten brauchen keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen, um sich Filme und Serien auszuleihen.

Letzte Videothek Karlsruhe
In den Regalen befinden sich zahlreiche DVDs. | Bild: Ingo Rothermund

Ein weiteres Problem ist laut Wetzel die geringere Vorlaufzeit der neueren Filme. Früher hatte er acht Wochen lang die neuesten Filme, bevor diese in den Läden zum Verkauf angeboten wurden. "Heute kann ich froh sein, wenn es noch zehn Tage sind", sagt der gebürtige Oberschlesier, der seit über 40 Jahren in der Fächerstadt lebt. Deswegen stellt sich Wetzel die Frage: "Wie lange beliefert die Industrie noch Videotheken wie meine?" 

Es müssen nicht immer die neuesten Filme sein

Noch tun sie das. Die rund 150 Kunden, die bei Harald Wetzel wöchentlich vorbeischauen, freuen sich darüber. Seine treue Stammkundschaft interessiert sich nicht unbedingt nur für die neuesten Blockbuster: "Ich habe mich auf Independence und Arthaus spezialisiert. Auch asiatische Filme laufen gut", so Harald Wetzel. Independent Filme und Arthaus sind Produktionen, die außerhalb des amerikanischen Studiosystems entstehen. 

Letzte Videothek Karlsruhe
Rund 8.000 Filme und Serien stehen den Kunden zur Verfügung. | Bild: Ingo Rothermund

Der Videothekenbesitzer weiß, dass es zukünftig immer schwieriger werden wird, den Betrieb aufrecht zu halten. "In fünf Jahren könnte mein Laden noch funktionieren. Wie es danach aussieht, ist ungewiss", blickt der Karlsruher in eine doch eher düstere Zukunft. "Aufgeben kommt für mich aber nicht infrage. Ich werde bis zum bitteren Ende bleiben", gibt sich Harald Wetzel kämpferisch. 

Der Artikel wurde nachträglich korrigiert.

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  •   Rambazamba
    (287 Beiträge)

    14.01.2019 08:20 Uhr
    Erinnerungen
    Wir waren früher gerne in der Videothek. In einer habe ich als Teenager immer Filmposter geschenkt bekommen oder auch mal einen Pappaufsteller. Manchmal auch alte Filme, die aus dem Sortiment genommen wurden. Schade, dass das Zeug über die Jahre verschütt ging.
    Was ich interessant fand, dass man auch mal "in fremde Wohnzimmer kucken" konnte, wenn man sah, was sich die Leute zum Teil ausliehen. In Achern gab es eine Videothek, die auch Honig verkaufte. Der Typ vor mir lieh sich einen Stapel Pornos und dazu ein Glas Honig. Irgendwie hatte jeder in der Schlange wohl sein eigenes Kopfkino, was da abends wohl passieren würde...
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  •   betablocker
    (3914 Beiträge)

    16.01.2019 18:31 Uhr
    Vielleicht
    wollte er mit dem Honig einen echten Bären anlocken. zwinkern
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  •   Malerdoerfler
    (4751 Beiträge)

    13.01.2019 23:36 Uhr
    Dinosaurier
    Es gibt Dinge, die überraschen - zum Beispiel, dass es noch Videotheken gibt.
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  •   Eine_Armlaenge_Abstand
    (1056 Beiträge)

    13.01.2019 15:59 Uhr
    Man hat sich erst die Auslage angeschaut
    und dann angeregt vom Cover ein Nummerblättchen gezogen. Das waren so Plastikchips mit einem Nummernaufkleber. Dann ging man zur Theke und musste seine Clubkarte vorlegen und hat das VHS-Band aus dem Regal raussortiert bekommen. Vorkasse.

    Der "ab 18" Bereich war peinlich und verführerisch. Da sind vielleicht ganz unverdächtige komische Typen rumgeschlichen.
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  •   Hartz4Bomber
    (486 Beiträge)

    12.01.2019 13:55 Uhr
    Hahaha,
    das waren noch Zeiten, als die Ecke mit den Erwachsenenfilmen durch einen Vorhang vom Rest der Videothek abgetrennt war. Viele sind davor erstmal stehen geblieben, haben sich unauffällig umgeschaut, und sind dann schnell hinterm Vorhang verschwunden. grinsen
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  •   betablocker
    (3914 Beiträge)

    12.01.2019 13:25 Uhr
    Diese Arthousefilme
    fand ich schon früher am besten. Die waren auch so wertvoll, dass sie in der Videothek in einem getrennten Bereich aufbewahrt wurden zu dem nicht jeder Zugang hatte.
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  •   nurdiewahrheit
    (134 Beiträge)

    12.01.2019 11:07 Uhr
    Einerseits
    tut einem Harald leid, weil damit auch eine gewisse Nostalgie verbunden ist. Andererseits ist dieses Geschäftsmodell heutzutage wie bereits erwähnt überflüssig geworden. Genau wie Telefonzellen, Kassetten, Modem etc gibt es nun eben neue Dinge, die den selben Zweck erfüllen, aber bequemer und daher "besser" sind.
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  •   yokohama
    (3329 Beiträge)

    12.01.2019 16:23 Uhr
    Kassetten
    und Schallplatten erleben derzeit eine Renaissance und sind sogar in den großen Elektronikmärkten wieder erhältlich. Viele vermissen im Zeitalter von Streaming Musik zum Anfassen. Vielleicht haben auch Videotheken als Retro eine Chance.
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  •   betablocker
    (3914 Beiträge)

    12.01.2019 17:19 Uhr
    Ja,
    allerdings ist das Zielpublikum für Vinylscheiben definitiv die Sorte Besserverdiener. Die Scheiben sind zwar sehr hochwertig, richtige 'Platten' im Wortsinne, aber doch sehr teuer. Von den Highendabspielgeräten gar nicht zu reden. Das wird noch eine Weile als Nischenprodukt laufen und dann wieder verschwinden. Es existiert ja nach wie vor ein gut sortierter Gebrauchtmarkt.
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  •   runner
    (418 Beiträge)

    12.01.2019 09:02 Uhr
    Das nenne ich eine steile Entwicklung
    Zitat von ka-news ... im Jahr 2017 weltweit knapp 32 Millionen US-Dollar wirtschaftlichen Schaden. Die Studie beziffert einen möglichen Anstieg des Schadens auf rund 50 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2022.

    Eine Steigerung um den Faktor 1.562 in nur 5 Jahren wäre sensationell. Aber wahrscheinlich hat nur wieder jemand nicht richtig abgeschrieben. traurig
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